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23. August

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Zukunftsweisende Antworten zum Insolvenzverfahren

In den letzten Wochen sind bei unseren Sportfreunden vermehrt Fragen zum Insolvenzverfahren von Fanseiten eingetroffen. Bernhard Görg, Diplom-Kaufmann der Kanzlei Niering Stock Tömp und Roland Schöler, Vorsitzender des Vereins, haben die wichtigsten und am häufigsten gestellten Fragen für Euch beantwortet:

Herr Görg, können Sie die Aufgaben als Insolvenzverwalter kurz vorstellen?

Bernhard Görg: Zunächst besteht die eigentliche Aufgabe des Insolvenzverwalters darin, durch eine Sanierung und einen späteren Verkauf eines sanierten Unternehmens den Gläubigern möglichst viel Geld zurückzugeben. Im Falle eines Vereins steht jedoch der Erhalt des Vereins stärker im Vordergrund als die Gläubigerbefriedigung, da Vereine normalerweise keine Gewinne erzielen und somit den Gläubigern auch kein Geld zurückgegeben werden kann. Die Aufgabe der Sanierung nehmen wir im Falle von Sportvereinen sehr ernst, da Vereine auch immer eine für die Gesellschaft positive Funktion, gerade im Jugendbereich, erfüllen.

Die Sportfreunde Siegen sind nun innerhalb weniger Jahre zum zweiten Mal insolvent. Wie kann so etwas passieren?

Görg: Die Insolvenz der Sportfreunde ist kein Einzelfall und kann auch mehrfach geschehen, ohne dass der Verein für immer verschwindet. Fortuna Köln ist nach drei Insolvenzen ein gutes Beispiel hierfür. Es ist für die Vereinsführung immer eine Gratwanderung zwischen sportlichen Erwartungen und wirtschaftlichen Möglichkeiten. Es erfordert ein gutes Zusammenspiel zwischen Verein, Mitgliedern, Fans, Förderern und Sponsoren, um einen Einklang zwischen Finanzierung und sportlichem Erfolg hinzubekommen. Dies ist den Sportfreunden in den vergangenen Jahren nicht gelungen, weshalb wir nun daran arbeiten, einen Mindestetat zu sichern, auf dem sich wieder aufbauen lässt. Hierfür ist es jedoch erforderlich, dass sich alle Beteiligten einmal "schütteln" und wieder nach vorne schauen.

Was sind Ihre konkreten Ziele im Insolvenzverfahren?

Görg: Das Ziel dieses Insolvenzverfahrens kann zunächst nur die wirtschaftliche Konsolidierung sein, um im Anschluss Strukturen und Kommunikationsverhalten nachhaltig zu ändern. Die Sportfreunde haben nach meinem Dafürhalten eine gute Präsenz in den sozialen Netzwerken, über die viele Nachrichten transportiert werden können. Man kann diese Präsenz noch ausbauen, darf sie aber auch nicht überstrapazieren. Soziale Netzwerke sind dann wieder für mögliche Sponsoren interessant, da hierüber potentielle Kunden das sponsernde Unternehmen wahrnehmen. Wenn die Finanzierung und das Strukturkonzept stehen, wird ein neu zu wählender Vorstand, der, und das gilt betont, wie auch jetzt schon ehrenamtlich arbeitet, auch wieder nach vorne arbeiten können, statt ständig versuchen zu müssen, gesetzte sportliche Ziele während der Saison mit Finanzmitteln zu decken. Sponsoren und Verein müssen in der Winterpause Klarheit über die Finanzierung der nächsten Saison schaffen, um beiden Planungssicherheit zu geben.

Wie wollen Sie diese Ziele erreichen?

Görg: Wir haben zunächst einen um 500.000 Euro auf 800.000 Euro gekürzten Etat aufgestellt. Der Etat liegt noch unterhalb der in der vergangenen Saison eingenommenen Gelder. Es gibt immer einige Sponsoren, die wegfallen, andere kommen hinzu. Jedoch darf die Fluktuation nicht besonders hoch sein, da die Suche nach neuen Sponsoren extrem schwierig ist. Die neu aufgestellte Mannschaft hat in Hamm und gegen Rheine unter Beweis stellen können, dass auch mit einem gekürzten Etat guter Fußball geboten werden kann. In Hamm stand noch der Kampf im Vordergrund der als Sinnbild für alle im Verein Verantwortlichen genommen werden kann. Der Kampf ist aber nur zu gewinnen, wenn das Siegerland davon überzeugt werden kann, dass dieser Kampf eine Aussicht auf Erfolg hat. Die Sportfreunde tragen den Namen ihrer Stadt auf der Brust. Eine tolle Idee, von der ich mir wünschte, dass sich viel mehr Unternehmen daran beteiligen. Das geht im Übrigen schon für 3.000 Euro und sollte damit für viele Unternehmen im Siegerland und dessen Umgebung erschwinglich sein – jede Zuwendung hilft auf dem Weg zu einem wirtschaftlich soliden und sportlich erfolgreichen Verein für Siegen.

Wie kann sichergestellt werden, dass die wirtschaftliche Konsolidierung auch nach der Insolvenz und Ihrem Weggang weiter konsequent verfolgt wird?

Görg: Der Verein gehört idealerweise in die Hand eines verkleinerten Vorstandes, der klare wirtschaftliche Ziele formulieren kann und im Siegerland vernetzt ist. Die vielen daneben bestehenden Aufgaben können durch weitere ehrenamtlich tätige Mitglieder bearbeitet werden. Der Vorstand muss jedoch die Ziele formulieren und insbesondere einen guten Kontakt zu den Förderern und Sponsoren pflegen. Ich will damit gar keine Kritik am jetzigen Vorstand üben, aber schlanke Strukturen ermöglichen die Umsetzung schneller und zuweilen auch harter Entscheidungen, die in einem Verein dieser Größe immer wieder notwendig sind. Es wird sich immer jemand finden, der die Arbeit des Vorstandes kritisiert, jedoch hat der Vorstand das Wohl des Gesamtvereins zu wahren, und der besteht nun mal auch aus 16 Frauen- und Jugendmannschaften, die ebenfalls unter der derzeitigen Lage leiden.

Kann der Verein mit einer soliden Finanzpolitik denn sportlich ambitionierte Ziele verfolgen?

Görg: Sportlich ambitionierte Ziele können meines Erachtens auch mit einem kleinen Etat verfolgt werden. Hierfür ist ein gutes Zusammenspiel zwischen dem Jugend- und Seniorenbereich notwendig. Die Jugend muss davon überzeugt sein, dass sie eine Chance bekommt, einmal im Leimbachstadion vor 1.000 oder sogar 2.000 Fans spielen zu dürfen. Eben das haben die Vereine in der näheren Umgebung, die als weitere Möglichkeiten in Frage kommen, in der Form nicht zu bieten. Aber wir brauchen uns auch nicht die Hoffnung zu machen, dass wir dieses Vorhaben von einem auf den anderen Tag umsetzen können. Hierfür ist auch eine positive Wahrnehmung der Sportfreunde im Siegerland erforderlich, die Schritt für Schritt erarbeitet werden muss. Dann haben auch Sponsoren wieder mehr Interesse an dem Verein. Umgekehrt braucht der Verein aber bereits heute neben den ihm treuen Sponsoren auch neue Sponsoren, die an einen solchen Weg glauben und dem Verein mit ihrem Engagement überhaupt die Möglichkeit geben, sich wirklich neu aufzustellen.

Herr Schöler, wie ist die Zusammenarbeit zwischen Insolvenzverwaltung und Vorstand?

Roland Schöler: Die Zusammenarbeit ist sehr gut und vertrauensvoll. Dr. Niering und Herr Görg haben die Möglichkeit, dass längerfristige Verträge wie Personal- oder auch Sachleistungen, vorzeitig aufgelöst werden um die Kosten kurzfristig zu reduzieren und alternative Lösungen zu erarbeiten. Auch die neutrale Betrachtung von außen tut uns gut und öffnet den Blick, um Dinge aus der Vergangenheit dauerhaft zu korrigieren. Wie Herr Görg bereits erwähnte, ist eine positive Wahrnehmung der Sportfreunde im Siegerland erforderlich. An diesem Punkt gibt es sicher Verbesserungsbedarf. Zweifellos war in den letzten Jahren, auch in der jüngeren Vergangenheit, die Außendarstellung nicht immer optimal. Der sehr spontane Rückzug aus der Regionalliga oder einige Personalfragen sind bei unseren Fans und Anhängern auf viel Unverständnis und Unmut gestoßen. Es ist nicht so, dass wir das nicht wissen. Aber es gibt mitunter Zwänge, die eine Vermittlung solcher Sachverhalte nach außen nicht einfach machen. Auch die Kommunikation mit verdienten Spielern, von denen wir uns aufgrund der finanziellen Lage trennen mussten, ist zum Teil nicht so erfolgt, wie es hätte sein sollen. Ohne es schön reden zu wollen, liegen aber auch hier bestimmte Zwänge und Unsicherheiten, die bis zum Schluss relevant waren, zugrunde. Eines unserer Augenmerke wird darauf gerichtet sein, solche Dinge in Zukunft zu vermeiden bzw. sie besser zu kommunizieren, um unsere Anhängerschaft möglichst hinter uns zu haben. Allerdings ist dies immer auch situationsabhängig. Wie gesagt, nicht alle Sachverhalte können in der Öffentlichkeit bis ins letzte Detail offengelegt werden. Zudem gibt es die jährliche Mitgliederversammlung, wo wir gerne Fragen beantworten, soweit dies aus dem Gesamtkontext heraus möglich ist. Wir bitten um einen Vertrauensvorschuss, um diese Dinge künftig besser machen zu können.

Glauben Sie, dass diese Insolvenz für den Verein eine Chance darstellt?

Schöler: Ja, das glaube ich. Da wir uns konsequent von allen Altlasten, die in Denkweisen, Anspruch und Strukturen bis hin zur zweiten Liga zurückreichen, befreien können. Wir kommen damit auf ein tragbares finanzielles Konzept. Bauen dabei auf die eigenen Stärken wie Jugendspieler in den Kader der ersten Mannschaft zu integrieren und schaffen damit eine engere Verbindung zu Stadt und Region!

 - Bernhard Görg
(Foto: Andreas Klingelhöfer)

Bernhard Görg

(Foto: Andreas Klingelhöfer)

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